27.07.2020
Töne der Hoffnung

Wie Corona einiges durcheinander wirbelte, dadurch neue Ideen entwickelt wurden und sich Zuhörer fanden, an die wir in normalen Zeiten sicher nicht gedacht hätten.

Töne der Hoffnung

„Töne der Hoffnung“ lautet der Titel einer Reihe von Notenausgaben für Posaunenchöre. Sie bieten einen bunten Querschnitt von klassischer und moderner Musik aus vielen Jahrhunderten. Alte Choräle erscheinen in neuem Gewand. Neue Lieder werden erprobt. Sechs Hefte sind bisher erschienen. In den letzten Wochen hat mich insbesondere Band zwei begleitet; ein lindgrünes Heft mit dem Untertitel: „Gotteslob – grenzenlos“. Nun wird mancher fragen: In den letzten Wochen? War da nicht was? Corona-Pandemie und Covid 19. Natürlich hieß es auch in Schkeuditz nach dem 3. Sonntag in der Passionszeit für das „Schiff, das sich Gemeinde nennt“: Alle Maschinen auf Stopp! Sämtliche Aktivitäten, einschließlich der Gemeindegottesdienste in unseren Kirchen, waren bis auf weiteres untersagt. „Stay at home! Bleibt zu Hause!“ war das Gebot der Stunde. Palmarum, Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern at home – unvorstellbar. Alle Gottesdienste waren geplant. Die Proben im Posaunenchor und Kirchenchor liefen auf Hochtouren. Und nun, buchstäblich von einem Tag auf den anderen, Stille und Leere allüberall.

Da meldete sich per Rundmail ein Kantor aus unserem Kirchenkreis: „Wir haben in unserem Land zahlreiche Rundfunk- und Fernsehanstalten. Sie alle strahlen Gottesdienste aus. Lasst uns sonntags 9.15 Uhr die Glocken läuten. Dann haben die Menschen Zeit, ihr Radio oder den Fernseher einzuschalten.“ Schnell haben wir uns im Kirchenkreis auf diese Praxis verständigt.

In Schkeuditz haben wir mehrere Kirchen. In den beiden größten sollten die Glocken geläutet werden. Für die Stadtkirche St. Albani übernahm das die ehrenamtlich tätige Kantorin. Für die Kirche des Krankenhauses in Altscherbitz übernahm ich diese Aufgabe. Von der Kantorin kam der Vorschlag: „Wie wäre es, wenn wir nicht nur läuteten, sondern danach auch ein wenig musizierten?“ – die Kantorin auf der Orgel und ich mit der Trompete. Schnell waren wir uns einig. Der Sonntag kam heran. Die Leere in der Stadt war gespenstisch. Etwas bang war mir schon. Würden sich die Nachbarn womöglich in ihrer heiligen Sonntagsruhe gestört fühlen? Würde ich wie einst der Apostel Paulus wegen Störung der öffentlichen Ordnung mit Konsequenzen zu rechnen haben? Ach was, im Gefängnis würde ich schon nicht landen. Also: unverzagt ans Werk! Das Glockengeläut war verklungen. Ich stellte mich auf die Stufen der Kirche und spielte jeweils zwei Strophen der für den Sonntag geplanten Choräle. Danach packte ich meine Trompete sowie den Notenständer zusammen. Doch was war das? Plötzlich drang Applaus an meine Ohren. Aber weit und breit war kein Mensch zu sehen. Sicher eine Sinnestäuschung. Nun mischten sich in den Applaus Rufe: „Danke“ und „… schönen Sonntag“. Ich war völlig verdattert. Ähnlich muss es einst den Propheten und Aposteln, namentlich Thomas, ergangen sein: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Aber dann kam die Erleuchtung. Der Kirche gegenüber, hinter einer martialischen Mauer, befindet sich der Maßregelvollzug. Dessen Fenster sind zur Kirche hin ausgerichtet. Hinter diesen sind Patienten verwahrt, die aufgrund ihrer Erkrankung eine akute Gefahr für die Gesellschaft darstellen. Mancher verbringt dort sein ganzes Leben. Von außen gewähren die Fenster nicht den geringsten Einblick. Von drinnen scheint man dagegen nach draußen blicken zu können. In deren Richtung winkte ich zum Abschied.

Seither wiederholt sich dieses Wechselspiel vor jedem Gottesdienst. Inzwischen sammeln sich ganze Gruppen von Patienten sowie die GottesdienstbesucherInnen vor der Kirche und lauschen der Musik.

Das Pfingstfest liegt nur wenige Tage zurück. Wir haben gehört, wie Gottes Geist stürmisch und feurig in die kleine Jüngerschar fährt, Fenster und Türen aufreißt und sie nach draußen fegt. Wie sie – die bis dahin so Ängstlichen und Verzagten – ohne jede Scheu auf wildfremde Menschen aus aller Herren Länder zugehen, alle Sprachbarrieren spielend überwinden und das Evangelium so unter die Leute bringen, dass es bei denen auch sofort ankommt.

In Schkeuditz haben wir zugleich Konfirmation gefeiert. Ein Konfirmationsspruch lautete: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ (Psalm 18,30b). Was ich seit Wochen erlebe, ist ein pfingstliches Geschehen. Die Töne vermögen Mauern zu überspringen. Sie treffen auf Ohren und gelangen ins Herz; ohne menschliches Planen, Zutun oder Steuern.

Immer am ersten Freitag im Juni gedenkt das Altscherbitzer Krankenhaus tausender Euthanasieopfer. Im Zentrum des Klinikgeländes wurde dafür ein großer Stein platziert. Auch dieses Gedenken begleite ich mit meiner Trompete. Nach dem diesjährigen Gedenken kamen Mitarbeiter aus dem Maßregelvollzug auf mich zu und bedankten sich namens ihrer Patienten für den sonntäglichen Gruß. Dieser Dank erfüllt mich mit Demut und großer Freude. Martin Luther – er hat sich mehrfach zur Musik geäußert – sagte einst: „Musik ist das beste Labsal eines betrübten Menschen.“ Ich werde am Sonntag Trinitatis mit meiner Trompete wieder zur Stelle sein mit Gottes Lob – grenzenlos. Es sind Töne der Hoffnung.